Zwischen Unterhaltung und Klischee Alarm

Sexy! - Stift Konzept

An dieser Stelle sei gesagt, dass ich sehr gerne erotische Romane lese. Es ist eine Pause vom Alltag, wenn man sich einfach zurücklehnen kann und in den erotischen und emotionalen Erlebnissen der erdachten Charaktere versinken kann. Gerade das, was dem Roman in seiner Entstehungszeit vorgeworfen wurde – seine soghafte Wirkung – liebe ich so daran. Man kann mitleben mit der Hand voll Protagonisten oder sich besonders intensiv in die Gefühlswelt einer einzigen Figur völlig rein denken – mitfühlen, mitfiebern und auch die Erregung nachvollziehen, die für die Figur entsteht.

Beinahe automatisch möchte man sich an ihre Stelle versetzen wenn einer dieser unheimlich gut aussehenden, selbstbewussten und seltsamer Weise fast immer sehr wohlhabenden Herren der weiblichen Hauptperson nahe kommt. Wenn er – fürs echte Leben vielleicht zu forsch, zu selbstgerecht – auf sie zu geht, sie in seine (natürlich) starken Arme zieht und energisch, ja sogar fordernd mit einem Kuss beinahe überfällt. Diese Sache an sich ist toll! (in einer erdachten Geschichte). Mein Mitleben mit diesen Figuren ermöglicht mir eine Auszeit von allem was mich im Alltag umtreibt. Nur manchmal überkommt mich während des Lesens ein Anflug von: „ja, genau“ oder vielleicht eher „nein, NICHT Dein Ernst“! Die meisten dieser Romane werden auch noch von Frauen geschrieben und können sich trotzdem nicht von gängigen Rollenbildern lösen.

Daneben: Warum haben sooo viele Männer immer diese blauen Augen, die ständig ihre Farbe wechseln – je nach Lichteinfall? Und wenn die düstere Seite des Protagonisten zutage tritt werden diese Augen immer fast schwarz. Mh. Naja… Warum fasziniert anscheinend so viele Leserinnen die Idee, dass der Mann ein reicher Industrieller ist, der gar Milliarden besitzt? Ist es doch wieder das Aschenputtel Ding? Oder geht es um ein Machtgefälle, was (indirekt) durch das Geld ausgedrückt wird? Ist es wirklich ein Kunstgriff, die weibliche Figur möglichst unerfahren darzustellen, aus ihr auch noch eine Jungfrau zu machen? (Ich gebe zu damit auch schon mal gespielt zu haben – also mit der Unerfahrenheit einer Figur.) Oder geht es nur um die Beeinflussbarkeit der jungen, unerfahrenen Frau? Mir ist es noch nicht völlig klar geworden. Aber ich denke, dass viele Geschichten auch ohne den „Jungfrauenjoker“ funktionieren würden. Genau wie die Männer erotisch beschreibbar sind ohne ihnen gefühlte fünfundzwanzig Mal die Hose auf den Hüften hängen zu lassen, so dass die Muskelstränge Richtung Schwanz zu sehen sind. Die Beschreibung kann frau ein- oder zweimal erfreuen oder schmunzeln lassen – aber so häufig?

Die beschriebenen Kunstgriffe sind – in ihrer Wiederholung – nicht besonders einfallsreich, wenn auch die Geschichten vermutlich trotzdem funktionieren. Eine Sache, die mich aber immer wieder sehr ärgert ist die Erschaffung von Kindheitstraumata, die dann wie von selbst dazu geführt haben, dass der geheimnisvolle, dunkle Mann Sadomasochistische Praktiken liebt. Das hört sich doch sehr nach Küchenpsychologie an! Wer einen solchen Text mit sexuellem Inhalt auf die Welt loslässt findet vermutlich selbst die Idee von BDSM anregend oder hat selbst positive Erfahrungen damit gemacht. Warum kommt dann immer eine schreckliche Erfahrung in der Kindheit als Erklärung daher?

Wenn es sich in der Realität doch um ein Spiel zwischen gleichwertigen Erwachsenen handelt, muss ich das doch gar nicht über diese starke Prägung durch ein schreckliches Ereignis in der eigenen Vita erklären. Reale Menschen, die sich freiwillig auf all die Eindrücke wie der Verquickung von Lust und Schmerz, sowie dem Spiel mit Dominanz und Unterwürfigkeit einlassen, müssen nicht schwer verletzt sein, um das zu tun. Sie haben nur einen unbändigen Spaß an dieser besonderen Form dem (Spiel-)Partner seine Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Ist es nicht viel eher zu verstehen, dass man einfach mal die Zügel aus der Hand geben möchte und sich treiben lassen, sich führen lassen von einem Menschen, dem man vertraut.

Kann es vielleicht sein, dass eine Geschichte von Liebe, Vertrauen und Sex einfach nicht spannend genug ist? Vielleicht. Aber es wäre schön wenn sie es – auch in der erotischen Literatur – hin und wieder sein könnte. Einen Versuch ist es Wert. Dann kann von mir aus auch die Hose einmal zuviel sonstwo hängen oder der männliche Hintern wiederholt als wahnsinnig perfekt beschrieben werden!

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